Plötzlich reich - was tun, um seinen Charakter zu schützen?
Hallo ihr Lieben.
Vielleicht ist meine Frage / mein Anliegen etwas verwunderlich, aber ich benötige hier einen Rat, den ich nicht von meinen direkten Freunden, Bekannten oder Verwandten einholen kann:
Was tut man, wenn man plötzlich reich ist und es eigentlich gar nicht will oder wollte?
Hintergrund:
Ich lebe in einem Dorf mit weniger als 1.000 Einwohnern in einer sehr ländlichen Gegend.
Als Softwareentwickler mit einer sehr speziellen Ausrichtung wurde ich vor viereinhalb Jahren von einem US Softwarekonzern (...den wir alle kennen...) abgeworben und arbeite seit dem 100% remote in meinem Homeoffice vor mich hin.
Meine Reisekosten und Ausgaben haben sich massiv verringert, während sich mein Gehalt unnatürlich gesteigert hat.
In meinem alten Beruf lag ich bei 5.500€ Brutto im Monat (und war damit im Dorf bereits Spitzenverdiener).
Jetzt bekomme ich in etwa 14.800€ monatlich als Basis-Grundgehalt plus einer Gewinnbeteiligung zum Jahresende.
Mein Jahresbrutto lag damit immer spürbar über 200.000€
Warum ist das ein Problem?
Ich war auch zuvor ein sehr glücklicher und völlig zufriedener Mensch und brauche das Geld nicht für mein Ego.
Gleichzeitig merke ich natürlich, dass es etwas in einem auslösen kann, wovor ich ehrlich Angst habe. Denn ich will meinen Charakter, mein "Ich" nicht verändern.
Daher hatte ich die Art, wie ich lebe, mit dem Jobwechsel nicht verändert.
Im Sommer 2025 bekam ich einen Anruf von meiner Dorfsparkasse, dass ein "Problem" mit meinem Konto besteht und man dringend mit mir über Anlagemöglichkeiten sprechen muss. Ich hatte einfach immer alles auf dem Girokonto liegen lassen und es gar nicht beachtet, wie es gewachsen ist.
Im Sommer hatte ich mir dann einen langen Traum erfüllt, eine wunderschön restaurierte Oldtimer Corvette Baujahr 1977
Und schon ging das Gerede im Dorf los, und Neid war ein täglicher Begleiter.
Ja, natürlich falle ich aus der Rolle, und natürlich liege ich mit dem Einkommen im oberen Drittel des Bundesdurchschnitts.
Aber das ist ja nicht meine Schuld.
Welche Methodik wendet ihr an, um...
1. immer die Dankbarkeit im Herzen zu behalten, das nichts im Leben selbstverständlich ist
2. den Respekt und die Achtung für die Phase, in denen es (finanziell) gut geht
3. einen Schutzmechanismus, nicht doch eines Tages abzuheben
4. Neid und Anfeindungen an sich abprallen zu lassen
Ich spüre z.B., wenn ich auf einem Dorffest bin, dass ich nicht mehr so sehr in das Leben dort reinpasse. Irgendetwas hat sich verändert, ich habe einen anderen Blick auf Dinge, habe andere Ziele und leider teile ich auch nicht mehr die Sorgen vieler meiner Bekannten. Das fühlt sich merkwürdig an, obwohl ich das gar nicht möchte.
Sicherlich haben viele im Forum hier eine ähnliche Situation erlebt, sei es durch Beruf, Erbschaft, Lottogewinn, etc.
Mich interessiert ehrlich, wie ihr damit umgeht.
AW: Plötzlich reich - was tun, um seinen Charakter zu schützen?
Weiß nicht, ob meine Beobachtung stimmig ist, aber mir kommt es so vor, als würde man unterschiede machen, woher jemand kommt:
1. Ein "Zugezogener" kommt ins Dorf, baut sein Häuschen dort, und der ist halt reich. Jo, ist halt so, keim Problem.
2. Einer von der Clique entwickelt sich plötzlich, bricht aus dem Horizont aus und ist dann schnell die Zielscheibe.
Offenbar haben Menschen größere Probleme damit, wenn ein Bekannter oder Freund sich entwickelt und sich dessen Finanzlage verändert.
Möglich, dass ich das nur so wahrnehme, aber ggf. ist da was dran.
AW: Plötzlich reich - was tun, um seinen Charakter zu schützen?
Auch wenn man es nicht wahrhaben will, das willst Du ja nicht: Geld (kann) verdirbt den Charakter. DAS ist nicht ansatzweise böse oder schlecht gemeint, aber wie Du schon selber schreibst (ich wiederhole das nicht) merkst Du es selber. Entweder Augen zu und durch oder wohin ziehen und neu anfangen. Willst Du das wirklich?
Wenn in meinem Bekannten/Familienkreis die Diskussion "Rente" beginnt, dann halte ich mich immer komplett raus (ich werde zwar mal gefragt, gebe grundsätzlich dazu keine Angaben preis). Meine 2 "Renten" sind in Summe nach Krankenkasse und Steuern so hoch wie mein letztes Netto und das lag locker im mittleren bereich wo die 3 vorne wech von 4 Stellen sich befindet (ohne die Zahlungen wie Ergebnisbeteiligung (5-stellig) /Urlaubs- und Weihnachtsgeld (4-stellig). Reich ist anders, es geht mir gut, ich beklage mich nicht, auch weil ich weiß, das es vielen, sehr vielen, schlechter geht ... Nur meine frau kennt die zahlen (na klar, Konto ist ein "oder-Konto") und nicht mal unsere erwachsende Tochter kennt die Zahlen.
AW: Plötzlich reich - was tun, um seinen Charakter zu schützen?
Zitat von Unfreiwill
Hallo ihr Lieben.
Vielleicht ist meine Frage / mein Anliegen etwas verwunderlich, aber ich benötige hier einen Rat, den ich nicht von meinen direkten Freunden, Bekannten oder Verwandten einholen kann:
Was tut man, wenn man plötzlich reich ist und es eigentlich gar nicht will oder wollte?
Hintergrund:
Ich lebe in einem Dorf mit weniger als 1.000 Einwohnern in einer sehr ländlichen Gegend.
Als Softwareentwickler mit einer sehr speziellen Ausrichtung wurde ich vor viereinhalb Jahren von einem US Softwarekonzern (...den wir alle kennen...) abgeworben und arbeite seit dem 100% remote in meinem Homeoffice vor mich hin.
Meine Reisekosten und Ausgaben haben sich massiv verringert, während sich mein Gehalt unnatürlich gesteigert hat.
In meinem alten Beruf lag ich bei 5.500€ Brutto im Monat (und war damit im Dorf bereits Spitzenverdiener).
Sorry, wenn ich das mal ganz locker anzweifle, Du bist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Deinem Dorf auch jetzt noch nicht der Spitzenverdiener, Du denkst nur, dass Du es bist.
Denn ich will meinen Charakter, mein "Ich" nicht verändern.
Dann lass' es auch. Wird Dir eh nicht gelingen. Geld verdirbt den Charakter auch nicht - so zumindest meine persönliche Meinung - sondern es legt diesen nur offen. Sowohl bei den Mitmenschen als auch bei einem selbst.
Im Sommer hatte ich mir dann einen langen Traum erfüllt, eine wunderschön restaurierte Oldtimer Corvette Baujahr 1977
Und schon ging das Gerede im Dorf los, und Neid war ein täglicher Begleiter.
Ja gut, das hätte ich Dir auch vorher sagen können, aber auf sowas kann man sich vorbereiten. Allerdings kennt keine Sau kennt den Zustand von den Dingern exakt, es sei denn, man bindet es irgendeinem auf die Nase. Durchschnittlicher Preis einer 77er Corvette liegt um 30T€ ... und jetzt googelst Du mal, was ein Satz Mähdrescherreifen kostet und erklärst mir dann, dass Du der dickste Fisch im Karpfenteich bist. Ganz sicher nicht. Es gibt in Deinem Dorf sicher eine Handvoll Menschen, die deutlich vermögender sind als Du, denn irgendjemandem muss der Acker drumherum ja gehören und die verdienen damit auch mit Sicherheit auf Deinem Niveau - behalten es aber vielleicht auch einfach mal für sich. Und stellen sich nicht unbedingt 'ne 77er Corvette vor die Tür, auch wenn sie es locker könnten.
Ich spüre z.B., wenn ich auf einem Dorffest bin, dass ich nicht mehr so sehr in das Leben dort reinpasse. Irgendetwas hat sich verändert, ich habe einen anderen Blick auf Dinge, habe andere Ziele und leider teile ich auch nicht mehr die Sorgen vieler meiner Bekannten. Das fühlt sich merkwürdig an, obwohl ich das gar nicht möchte.
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Gut, ich bin ü50, habe 'ne Familie und bin aktiver Unternehmer - da dreht sich die öffentliche Wahrnehmung schon wieder um nach dem Motto, dass von mir auch erwartet wird, dass ich nicht mit 'ner Rostlaube durch die Gegend fahre.
Eine stumpf anwendbare Methodik gibt es aber nicht, wobei ich vermute, dass das bei Dir ein Problem ist, weil Du in Deiner Altersklasse massiv nach oben ausschlägst. Und es ist häufig so, dass man sich mit Menschen anfreundet oder umgibt, die sich mit den gleichen Dingen beschäftigen. Es kann also sein, dass Du Dich zukünftig eher mit Menschen in Kontakt trittst, die das gleiche "Problem" haben.
Wenn Du den Kontakt im Dorf aber aufrecht erhalten willst, geht das auch. Musst nur ein wenig gucken, mit wem Du Dich über was unterhältst und Dir damit auch eine Antenne für die Probleme der Normalos bewahren. Das schadet nicht.